Auf ein Gespräch
mit dem Bodenkundler Philipp Swoboda.

Wie selbstverständlich liegt er uns zu Füßen. Doch der Schein trügt. Wir stecken in einer globalen Bodenkrise. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) bleiben uns noch 60 Jahre für die Landwirtschaft, wie wir sie kennen. Doch bereits jetzt sind Böden vielerorts so ausgelaugt, dass nicht mehr alle Menschen versorgt werden können. Wie es dazu kam und wie wir alle dazu breitragen können, die fruchtbare Haut unseres Planten zu schützen, erklärt der Bodenkundler und Science Slammer Philipp Swoboda im Interview.

Du bist Bodenkundler – klingt etwas trocken. Was ist eigentlich gemeint, wenn wir von Boden sprechen?

Der Boden ist die dünne fruchtbare Haut unseres Planeten. Er ist die Schnittstelle, die alles miteinander verbindet: die Luft, das Wasser, das Gestein und die Lebewesen. Wenn alles im Gleichgewicht ist, können Pflanzen gedeihen und uns mit Nahrung versorgen. Wenn nicht, haben wir ein Problem. Gesunde Böden sind die Grundlage für gesunde Menschen.

Okay, jetzt hast du mich! Wie ist es denn um die Bodengesundheit bestellt?

Das kann man nicht allgemein beantworten, weil die Böden überall auf der Welt anders sind. In Deutschland und Österreich, wo ich her komme, ist der Boden noch in einem recht guten Zustand. Er ist erdgeschichtlich betrachtet sehr jung und fruchtbar. Im globalen Süden, vor allem in den Tropen sieht das anders aus. Dort sind viele Böden schon „altersschwach“, ausgelaugt und arm an Nährstoffen. Herkömmliche Düngemittel sind im tropischen Kontext oft nicht effektiv, leistbar und zugänglich. Sie wirken ähnlich wie ein Energiedrink: kurzzeitig lässt sich die Leistung steigern, aber der Boden wird nicht nachhaltig gestärkt. Das ist dramatisch, denn die Nahrungssicherung von Dreivierteln der Weltbevölkerung hängt an diesen tropischen Böden.

Du forschst an einer Art Verjüngungskur für altersschwache Böden.

Richtig, statt mit Energiedrinks arbeiten wir mit Vollkornkost: Wir mischen fein vermahlene Steine  unter den Boden. Im Gestein stecken viele essentielle Elemente, die Pflanzen zum Wachsen brauchen. Anders als beim Düngemittel, stehen die Nährstoffe nicht sofort zur Verfügung – und werden daher auch nicht sofort wieder verbraucht. Sondern sie werden nach und nach aus dem Gestein heraus gelöst und sorgen für eine nachhaltige Anreicherung.

Wie kommt man denn auf so eine Idee – düngen mit Steinen?

In gewisser Weise ahmen wir damit den natürlichen Prozess nach, bei dem neuer Boden entsteht – nur im Schnelldurchlauf. Böden entstehen durch die Verwitterung von Gesteinen. Jedoch dauert es in der Natur hunderte Jahre, bis genug Gestein aus dem Untergrund verwittert ist und mit organischem Material zusammen ein paar cm furchtbaren Boden bildet. Ähnlich ist es mit Vulkanen: sie spucken Gesteinsbrocken und Staub aus und machen die Erde in der Umgebung regelmäßig fruchtbar. Das ist auch der Grund, warum nach wie vor so viele Menschen das Risiko auf sich nehmen, in der Nähe von Vulkanen zu siedeln. Und wir im globalen Norden profitieren davon, dass während der letzten Eiszeit viel frisches Gesteinsmaterial in unsere Böden gelangte. Es wurde mit den Gletschern aus den nördlichen Gebirgen zu uns getragen.

Funktioniert euer Ansatz schon in der Praxis?

Ja und Nein. Forscherkollegen aus Brasilien machen seit Jahrzehnten Versuche mit Gesteinsmehl und haben bereits tolle Ergebnisse erzielt. Großflächig hat sich die Methode aber bisher nicht durchgesetzt. Was auch daran liegt, dass es kein Patentrezept gibt. Je nach Bodentyp und Klimazone müssen andere Gesteine eingesetzt werden. Da ist noch viel Forschung nötig. Wir im globalen Norden sind darauf momentan noch nicht angewiesen und im globalen Süden fehlen den Landwirten oft die Zeit und das Geld, neues auszuprobieren. Sie brauchen schnelle Lösungen und greifen im Zweifel eben doch auf herkömmlichen Dünger zurück.

Die Herstellung von künstlichem Dünger verbraucht viel Energie und erzeugt viel CO2.  Wäre der Einsatz von Gesteinsmehl nachhaltiger?

Auch wieder – Ja und Nein. Ja, wenn es aus den Abfallprodukten von Steinbrüchen und Bergbau gewonnen wird, denn dafür gibt es Momentan kaum Verwendung. Als Gesteinsmehl für den Ackerbau käme es zurück in einen Kreislauf. Zudem sollte die Transportdistanz zum Feld nicht zu weit sein und vornehmlich humid-tropische Bedingungen vorherrschen. Nein, wenn es speziell für die Landwirtschaft erst abgebaut wird, lange Distanzen vorherrschen, und auf junge fruchtbare Böden aufgebracht wird.

Ist ökologische Landwirtschaft besser für die Böden als konventioneller Anbau?

Auch das kann man nicht pauschal beantworten. Im Ökolandbau spielt der Boden eine zentrale Rolle und viele Praktiken dienen dem Erhalt der Fruchtbarkeit. So wird zum Beispiel darauf geachtet, dass der Boden nie lange brach liegt, sondern stets mit Pflanzen bedeckt ist. Das schützt vor Erosion, also davor, dass die oberste Erdschicht durch Wind und Wasser abgetragen wird. Im konventionellen Maisanbau hingegen liegt der Boden zwischen den Maisreihen nackt da. Bei Starkregen bilden sich tiefe Rinnen, durch die viel Erde weggeschwemmt wird. Andererseits dürfen im Biolandbau keine Mittel gegen Unkraut eingesetzt werden – etwa Glyphosat. Stattdessen werden die Pflanzen untergepflügt. Der Boden wird aufgerissen und seine Struktur zerstört. Wenn es dann stark regnet, kann viel Humus verloren gehen, also den besonders wertvollen Teil des Bodens, den man eigentlich erhalten möchte.

Also kein eindeutiges Plädoyer dafür, Bioprodukte zu kaufen um die Böden zu schützen?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Noch wichtiger finde ich aber, Produkte zu kaufen, die regional und saisonal  angebaut werden. Denn das sind normalerweise die Dinge, die natürlicherweise in der Region wachsen. Ich kenne viele Landwirte, die den Aufwand scheuen ihre Produkte zertifizieren  zu lassen, aber dennoch schonend mit ihren Äckern umgehen. Wenn man in der eigenen Region kauft, hat man da den besseren Einblick.

Sehr viel Ackerfläche wird für den Anbau von Futtermitteln genutzt. Würde es nicht enorm helfen, auf Fleisch- und Milchprodukte zu verzichten?

Weniger wäre in jedem Fall besser, das ist keine Frage. Aber wir müssen nicht alle Vegetarier oder Veganer werden. Ein großer Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche kann bloß als Weideland genutzt werden. Auf diesen Böden kann man gar nichts anbauen, da wächst nur Gras. In dem wir Kühe, Ziegen oder Schafe dort weiden lassen, veredeln wir das Gras, das wir selbst nicht verwerten können zu Milch und Fleisch.

Hast du noch mehr Tipps, was jeder selber tun kann, um die Böden zu erhalten?

Ich bin ein großer Fan der Urban Gardening Bewegung und dafür jeden Quadratzentimeter in der Stadt mit Blumen, Kräutern oder Gemüse zu bepflanzen. Nicht nur, um sich selbst mit Produkten zu versorgen. Sondern auch weil ich glaube, dass man ein anderes Verhältnis und Wertschaetzung zu Nahrungsmitteln bekommt, wenn man sieht, wie lange es beispielsweise dauert, eine Tomatenpflanze großzuziehen. Ein anderes Thema, was mit sehr am Herzen liegt, ist das Retten von Lebensmitteln. Wenn am Ende alles weggeschmissen wird, hat alle Mühe die Produkte schonend anzubauen, keinen Sinn. Wenn wir weniger verschwenden, wäre schon viel gewonnen!

 

Warum es sinnvoll ist die Umwelt zu schützen und was das mit unserer Gesundheit zu tun hat, erfährst du hier im Podcast der Techniker Krankenkasse mit Dr. Eckart von Hirschhausen.

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