Anna-Lena-von-Hodenberg

Foto: Anna-Lena von Hodenberg Fotocredits: Andrea Heinsohn Photography

„Hass im Netz geht uns alle an!“

Die Sozialen Medien gehören zu den wichtigsten Diskursräumen unserer Zeit. Sie sind Sprachrohr für Aktivist:innen, Wahlkampfarena für Politiker:innen und sie ermöglichen es jedem der möchte, sich über Themen aller Art auszutauschen, zu debattieren und zu streiten. Zumindest theoretisch. In der Praxis werden Menschen, die sich im Netz politisch äußern, immer öfter mit Hass und Häme überzogen oder sogar ernsthaft bedroht. Auf diese Weise werden Debatten unterdrückt und bestimmte Personengruppen aus dem Netz gedrängt. Die Beratungsstelle HateAid steht Betroffenen bei und verteidigt damit für uns alle das Recht auf freie Meinungsäußerung.  

Auf ein Gespräch mit Anna-Lena von Hodenberg, der Geschäftsführerin von HateAid.

Was ist HateAid und wie ist es entstanden? 

Wir sind die erste bundesweite Beratungsstelle für Menschen, die Gewalt im Internet erleben. Wir haben uns vor gut dreieinhalb Jahren gegründet, weil wir gesehen haben, dass orchestrierte Gewalt im Netz zunimmt: Täter:innen sprechen sich ab und setzen innerhalb weniger Stunden tausende beleidigende Kommentare oder Drohungen unter ein Posting mit dem Ziel, die jeweilige Person mundtot zu machen. 

Für die Betroffenen ist das eine unglaubliche Überforderung, die schlimme Folgen haben kann: Schlaflosigkeit, Angststörungen, Panikattacken. Viele ziehen sich zurück, weil sie keine Kraft mehr haben, sich dem Hass zu stellen. 

Welche Menschen sind besonders häufig von Hass und Hetze im Netz betroffen?

Frauen im Allgemeinen. Aktivist:innen die sich für Feminismus, Klimaschutz oder gegen Rassismus einsetzen. Marginalisierte Gruppen wie Jüd:innen, Roma oder Angehörige der LGBTIQ+-Community. Journalist:innen, Kommunalpolitiker:innen. 

Das ist das Fatale: Oft sind es Menschen, die sich politisch engagieren, die gezielt  aus dem Netz gedrängt werden. Einem Ort, der spätestens seit der Pandemie zu einem der wichtigsten Diskursräume unserer Zeit geworden ist. Ihre Stimmen fehlen dann im öffentlichen Diskurs. Wenn wir diese Menschen nicht unterstützen, kann das dramatische Folgen für unsere Demokratie haben. 

Wie sieht eure Hilfe ganz konkret aus?

Das Herzstück unserer Arbeit ist die Betroffenenberatung. Hier können Betroffene erst mal erzählen, was ihnen passiert ist und sich rückversichern, dass sie nichts falsch gemacht haben und es nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird. Für viele ist das Erlebte mit großer Scham verbunden, vor allem, wenn sie Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind. Ihnen also beispielsweise Vergewaltigung angedroht wurde oder Nacktbilder von ihnen auf Pornoseiten veröffentlicht wurden. Unsere Berater:innen erarbeiten mit ihnen gemeinsam Strategien, wie sie die Situation emotional verarbeiten können.  

Wie denn zum Beispiel?

Oft ist es eine gute Strategie, erst mal Distanz zu schaffen und nicht jeden weiteren Kommentar zu lesen. Man kann die eigenen Social Media Accounts an eine vertraute Person übergeben und sie bitten das weitere Geschehen zu verfolgen und eventuell Beweise zu sichern. Etwa Screenshots von gewaltvollen Kommentaren zu machen. Wir besprechen auch ganz individuell wann es sinnvoll ist, auf Kommentare zu antworten und wann man die Kommunikation besser einstellt.  

Fast ebenso wichtig ist die Sicherheitsberatung: Wurden private Daten veröffentlicht, etwa Passwörter, die eigene Adresse, oder der Name der Schule der Kinder? In diesem Fall unterstützen wir beim Löschen und helfen, die Daten besser zu schützen.

Wir zeigen außerdem  Möglichkeiten auf, gegen die Täter:innen rechtlich vorzugehen und unterstützen etwa bei Strafanzeigen. Und wir übernehmen in geeigneten Fällen auch die Prozesskosten, wenn es zu einem zivilrechtlichen Verfahren kommt. Leider kommen immer noch sehr viele Täter:innen davon. Trotzdem raten wir allen Betroffenen Anzeige zu erstatten, damit die Delikte in der Kriminalstatistik auftauchen. Nur so können die Behörden und die Öffentlichkeit das ganze Ausmaß der Gewalt im Netz erkennen.

Wie viele Menschen wenden sich an euch?

Seit unserer Gründung haben wir mehr als 2000 Klient:innen beraten. Aktuell sind es etwa 20 pro Woche. Aber es werden immer mehr. Wir mussten unsere Beratung schon zweimal für mehrere Wochen schließen, weil wir mit der Bearbeitung sonst nicht hinterher gekommen wären. Das war frustrierend  – für die Betroffenen, aber auch für uns. 

Die Menschen, die sich an uns wenden, kommen mit den immer gleichen Problemen. Dahinter steckt ein System. Die Täter:innen haben sich professionalisiert. Deshalb haben wir angefangen neben den Betroffenen auch die Politik zu beraten und Grundsatzprozesse anzustrengen. Mit Erfolg! Seit diesem Jahr ist es endlich strafbar, in sozialen Netzwerken Mord- und Vergewaltigungsdrohungen auszusprechen. 

 

Habt ihr Tipps, wie man einen Shitstorm vermeiden kann, ohne sich selbst zu zensieren?

Nein, die gibt es leider nicht. Es gibt bestimmte Reizthemen wie Rassismus oder Feminismus, da ist der Shitstorm fast schon vorprogrammiert. Aber sich da nicht klar zu positionieren, kann nicht die Lösung sein. Das ist auch eine Sache, die wir unseren Klient:innen immer klar machen: Den Täter:innen  geht es in den meisten Fällen gar nicht um sie als Person,  sondern darum, die Debatte zu unterdrücken. Das Problem ist, dass die Plattformen das zulassen, ja sogar befördern. Hass und Falschzitate verbreiten sich in Sekundenschnelle im Netz, selbst dann, wenn sie bereits gemeldet und als illegal eingestuft wurden. Das muss sich ändern! Deshalb klagen wir zum Beispiel gerade gegen Facebook. 

Mein Tipp lautet daher: Bitte nicht selbst zensieren. Sie haben jedes Recht Ihre Meinung frei zu äußern! Stattdessen sollten wir uns gegenseitig schützen und denen beispringen, die Hass im Netz erfahren. Ermutigende Direktnachrichten und Gegenrede unter herabwürdigenden Postings können die Betroffenen enorm stärken. 

Was ist die Botschaft eures Slambeitrags beim Science Slam? 

Wir wollen aufklären, wo digitale Gewalt herkommt und was sie mit uns macht. Hass im Netz geht uns alle an, denn er erzeugt ein Klima der Angst. Das wirkt sich auch auf unser analoges Leben aus. Wenn wir die gewaltvolle Sprache im Netz akzeptieren, verschieben sich auch die Grenzen im alltäglichen Miteinander. Deshalb müssen wir den Diskursraum Internet schützen. In einer Demokratie darf hart gestritten werden – muss es sogar – aber alle Stimmen müssen vorkommen können. 

Ist es eine gute Idee, auch mal Pause von den sozialen Medien zu machen?

Natürlich! Soziale Medien können süchtig machen – dafür sind sie ausgelegt. Je mehr Zeit wir dort verbringen, desto mehr verdienen die Betreiber an uns. Daher würde ich jedem empfehlen digitalfreie Zonen zu definieren. Zum Beispiel keine Smartphones am Bett oder besser noch: keine Smartphones nach 20 Uhr. Eltern sollten das auch ihren Kindern vorleben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Du hast ein Kind oder arbeitest an einer Schule und möchtest vorsorglich gegen Gewalt und Cybbermobbing aktiv werden und zu einer gesunden Welt beitragen? Dann schau dir das Projekt der Techniker Gemeinsam Klasse sein an.„Gemeinsam Klasse sein“ ist ein Schulprojekt gegen Mobbing und Cybermobbing und unterstützt Schulen und Eltern dabei, dass Kinder gerne zur Schule gehen und sich in ihrer Klasse wohlfühlen. Hier findest du alle Infos zum Projekt und zur Anmeldung. 

scroll top